Zwischen Tsunami-Schmerz und Seelebaumelnlassen: Diese Insel hat uns überwältigt
Fünf zu kurze Tage auf Koh Phra Thong
Die Füße im Sand, der Blick gen Horizont gerichtet. Plötzlich zieht sich das Meer zurück und am Ende der Wasserlinie baut sich eine zwanzig Meter hohe Welle auf, die Minuten später mit brachialer Gewalt die gesamte Küstenlinie überwalzt. Meine Vorstellungskraft kämpft damit, das zu sehen, was mir eine Zeitzeugin Minuten vorher sehr drastisch geschildert hat. Jene Szenen, die sich vor 20 Jahren auf Koh Phra Thong und an vielen anderen Orten Asiens ereignet haben, entbehren vermutlich jeder Imagination, war man nicht selbst dieser unheimlichen Situation ausgesetzt. Die Tatsache, dass ich unmittelbar am Ort des damaligen Geschehens stehe, erzeugt kurz Gänsehaut.
Die Erinnerung an den Tsunami 2004 ist noch immer lebendig auf Thailands fünftgrößter und gleichzeitig kaum bekannter Insel, die wir bewusst ans Ende unserer Reise gesetzt haben. Abschalten, auftanken, unbeschwertes Strandleben – das war die Vision. Ich möchte nicht sagen, dass die Gedanken an die Naturkatastrophe unseren Aufenthalt überschatten – das wäre übertrieben. Aber sie tauchen immer wieder auf: am Denkmal am Rand der Bucht, in Gesprächen mit dem Resort-Inhaber, in Form von Warnschildern und in den Erinnerungen der Einheimischen, die in den Unterkünften arbeiten. Tief eingebrannt ins kollektive Gedächtnis der Menschen, der Insel, des Landes und der Welt. So kann man den Text über eine eigentlich wunderschöne Insel-Entdeckung kaum anders beginnen als mit diesem dunklen Kapitel.
Eine sehr erfreuliche Entdeckung
Am Ende dieser zu kurzen fünf Tage soll dennoch kein melancholisches Fazit stehen, sondern eines, das der Euphorie Raum geben soll, die wir dort auch gespürt haben. Die Freude, ein Inselparadies für uns entdeckt zu haben, das all das an einem Ort vereint, was man sich sonst in Thailand oft mit Hunderten Kilometern Minibusfahrten zusammenfahren muss. Koh Phra Thong ist abgeschieden, einfach geblieben, ungeahnt facettenreich und genau die Insel, von der ich gerne früher gewusst hätte.
Heimat der Moken
Koh Phra Thong liegt in der Andamanensee vor der Westküste Thailands, zwischen Krabi und Ranong. Ursprünglich wurde die Insel von den Moken, einer indigenen Seenomaden-Gruppe, sporadisch bewohnt. Sie führten ein nomadisches Leben, das vom Meer und den Gezeiten bestimmt war. Im Laufe der Zeit siedelten sich Fischer und Bauern auf der Insel an, die von den natürlichen Ressourcen, vor allem aber vom Fischreichtum rund um die Insel, angezogen wurden. Koh Phra Thong blieb jedoch dünn besiedelt, da die sandigen Böden und die begrenzte Infrastruktur für eine größere landwirtschaftliche Nutzung ungeeignet waren und sind. Die Insel entstand einst aus Muschelsediment und Sand, die zusammengeschoben wurden. Lange Zeit bestand die Insel hauptsächlich aus Mangroven, anspruchslosen Paperbark Trees und Palmen. Als der Tsunami Nadelbaumsamen auf die Insel spülte, begann sich die Fauna, gerade an den Ufern, zu verändern. Heute säumen hohe Nadelwälder die Küstenlinie. Eine lebendige, unübersehbare Narbe.
Wie kommt man nach Koh Phra Thong?
Die Abgeschiedenheit und die wenigen Unterkünfte machen den großen Charme von Koh Phra Thong aus. Hierher kommt niemand durch Zufall, weil er an der Hauptstraße von Krabi nach Ranong versehentlich links abgebogen ist. Von Bangkok aus braucht es einen Inlandsflug oder eine 12 Stunden lange Fahrt und einen Transfer zum Pier. Hier holt uns ein Shuttleboot des Moken Village Eco Resorts ab und bringt uns in knapp einer Stunde Fahrt durch wilde Mangrovenwälder an die Nordseite der Insel. Dort wird das Gepäck noch einmal umgeladen und per Pick-Up kommen wir in unserer Unterkunft an. Die gesamte Anreise lassen wir uns vom grandiosen Team unserer Unterkunft organisieren. Das kostet mehr, als wenn man mit öffentlichen Transportmitteln reist, ist aber Welten entspannter, sodas der nicht unerhebliche Aufschlag dennoch ein No-Brainer ist. Wir sind im Urlaub.
Übernachten auf Koh Phra Thong
Das Moken Eco Village, in dem wir übernachten, besteht aus 19 kleinen und großen Hütten aus Holz. Die kleinen Schlitze zwischen den Balken sind mit Moskitonetzen verkleidet, zwei Ventilatoren, gespeist von Solarenergie, sorgen nachts für Luftbewegung. Was erstmal nach wenig Schlaf klingt, entpuppt sich für uns als Entschleunigungs-Beschleuniger. Wir schlafen fast jede Nacht 12 Stunden, wie Babys. Nach 21 Uhr gibt’s nichts mehr zu tun. Und gegen acht Uhr morgens klingelt der Zikaden-Wecker durch die nicht existente Isolation der Holzhütten. Es ist wunderbar! Das erste Mal Frischluftschlafen, nach vielen Nächten, in denen wir ausschließlich Klimaanlagen-Luft geatmet haben.
Drei oder vier weitere Resorts gibt es auf der Insel, darunter das Horizon-Resort, das von einer netten Schweizerin geführt wird. Sie erzählt uns sehr bewegend davon, wie sie den Tsunami erlebte und in letzter Sekunde ihren Sohn auf einen Berg trug. “Die Frau dort drüben hat ihren Mann in den Fluten verloren,” sagt sie am Ende des Gesprächs und zeigt auf den Nachbartisch. Es ist bedrückend, aber das macht es intensiv. Man kommt sehr schnell ins Gespräch hier, denn man fühlt sich mit den wenigen Besuchern nach kurzer Zeit vertraut und unter sich.
Das Baba Resort, am Ende der Bucht, ist etwas komfortabler. Dazu gesellen sich ein bis zwei kleinere Anlagen. “Resort” ist hier übrigens nicht wörtlich zu nehmen. Es sind vielmehr Holzbungalows, die sich im dichten Grün auf dem weitläufigen Küstenstreifen verteilen. Die Bucht am Nordende, in der das Moken Village liegt, ist malerisch und geschützt. Für uns ist es die schönste Ecke der Insel, vor allem durch die zwei kleinen vorgelagerten Inseln, die paradiesgleich türkisfarbenes Wasser, hellen Strand und dichten Palmenbewuchs vereinen.
Schnorcheln, Kayak und Savannen-Touren
Wie viel Koh Phra Thong trotz (oder wegen) seiner Abgeschiedenheit zu bieten hat, verstehen wir schnell. Nicht zuletzt, weil viele der Mitarbeitenden im Moken Village selbst Einheimische sind und keinen Hehl daraus machen, wie viel ihnen der Ort bedeutet. Sie erzählen mit leuchtenden Augen von der morgendlichen Savannen-Tour, von den kleinen Kanälen, die die Mangroven durchziehen, und von den Korallen am Strand der gegenüberliegenden Inseln. Kayaks kann man in den Resorts kostenlos ausleihen, sie sind das einzig sinnvolle Fortbewegungsmittel für den Radius von 2–3 Kilometern. Weiter muss man hier nicht weg, um mächtig zu staunen.
Die Tage auf Koh Phra Thong sind langsam. Genau richtig langsam. Aufstehen, frühstücken, ein Kayak ins Wasser hieven, am Strand gegenüber anlegen, Taucherbrille aufsetzen, losschnorcheln. Lesen, essen, schnorcheln und früh ins Bett. Die Unterwasserwelt ist spannend, wenn auch weit nicht so beeindruckend wie an den berühmten thailändischen Schnorchel- und Tauchspots. So ehrlich muss man sein. Für viele kleine und kurzweilige Unterwasserbegegnungen mit Barrakudas, Meeräschen, Clownfischen und Groupern reicht die Vielfalt aber völlig aus. Während wir im seichten Wasser bleiben, berichten andere Gäste von kleinen Riffhaien und Schildkröten. Auch Delfine wurden schon gesichtet.
Insel der Artenvielfalt
Überhaupt ist die Artenvielfalt überwältigend. Nachmittags schlängelt sich einmal eine zwei Meter lange Schlange unter unserer Hängematte hindurch. Jidapa, die uns die gesamte Zeit über als Managerin des Resorts gute Tipps gibt, legt uns – einige drängende Fragen später – ein Buch auf den Tisch. Dort sind alle Tierarten der Insel dokumentiert: 160 Seiten. Vögel, Reptilien, Echsen, Fische, Insekten. Jeden Tag sehen wir die Seeadler über dem Strand kreisen. Und es wird noch besser.
Am letzten Tag der Reise fahren wir morgens mit Jidapa und einigen anderen Gästen raus in die “Savannah” – so wird die Steppe im Inselinneren genannt. Der Grund dafür offenbart sich uns, als die Sonne gegen 6:30 Uhr die gesamte Landschaft golden glühen lässt. Wir sehen Papageien, Bienenfresser, Eisvögel, Kormorane, mehr Adler und verstehen, dass das nur ein sehr kleiner Ausschnitt dessen ist, was sich in den Wäldern und Mangroven tummelt.
Mittags fahren wir auf gut Glück vom offenen Meer in einen Mangroven-Seitenarm und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Flut schiebt uns sanft immer weiter hinein in diese magische Wasserlandschaft. Wir beobachten die Fische im glasklaren Wasser. Vor dem sandigen Grund sieht man jede Bewegung. Die Pflanzen rechts und links der Wasserwege wirken, als seien sie dort angelegt, wie ein tropischer Garten. Irgendwann machen wir kehrt und sehen später auf der Karte, dass wir nur einen Bruchteil des Kanalsystems erkundet haben.
Und, wie ist das Essen?
Ihr wisst: Ich reise primär, um kulinarische Entdeckungen zu machen. Für diesen Teil der Reise hatte ich mir keine großen Hoffnungen darauf gemacht und alles auf Entspannung ausgerichtet. Doch Koh Phra Thong überrascht auch hier. Im Moken Village zum Beispiel wird mit Gemüse aus dem eigenen Bio-Garten gekocht. Der liegt teils auf der Insel und teils am Land. Ich lerne Pak Miang kennen, ein spinatähnliches Gemüse, dessen Bitternoten beim Kochen (in Kokosmilch besonders gut) verschwinden, und trinke literweise Passion Fruit Soda. Das Essen ist unerwartet fantastisch. Ganzen Fisch gibt’s im Horizon Restaurant, 500 Meter den Strand runter. “Nur Fisch, den die Fischer hier täglich anliefern,” sagt uns die Besitzerin. “Keine Farmen, nichts Gefrorenes.” Mittags erfährt man dort, ob mit einem Fang zu rechnen ist. Abends gibt’s dann den frischesten Fisch überhaupt. Den Yellow Grouper und den Tintenfisch, den wir dort essen, genießen wir maximal emotional, mit den Füßen im Sand und lauwarmem Wind im Gesicht.
Für wen lohnt es sich?
Ich weiß: Was ich schreibe, klingt wie der reinste Lobgesang. Und das ist es auch. Ist die Insel das perfekte Reiseziel für jede/n? Vermutlich nicht. Richtig kühl wird’s dort nie. Ein bisschen Sand im Bett gehört einfach dazu. Internet? Nur mit Glück. Bars und Party? Sollte man dort nicht suchen. Koh Phra Thong lebt von den lieben Menschen, der wunderbaren Natur, der Einfachheit und der natürlichen Mengenbeschränkung an Menschen, die hier landen. Eine Woche Zeit dort wäre perfekt gewesen, leider waren es nur ein paar Tage. Sie reichten aber aus, um meinen Kopf zu leeren und gleichzeitig zu füllen. Das gelang nicht vielen Orten vorher.








